Der rote Pit Der rote Pit: Ich und die Binnenschifffahrt

19.03.2017

Ich und die Binnenschifffahrt

Als ich eine Ausbildung in der Binnenschifffahrt anfing, gab es noch jede Menge Schiffe mit Scherbaum, Merklinge und Ladelukendeckel aus Holz, mit denen die Laderäume abgedeckt wurden. Das war echte Knochenarbeit. Wie sagte der Alte damals noch?» Stell dich nicht so an. Das ist besser wie in der Muckibude. Da bekommst du einen wunderschönen Astralkörper von.« Ja Scheiße! Klar, meine Muckis wurden schön groß und rund, aber dieses ewige in den Laderaum absteigen und die Merklinge oder gar den Scherbaum wieder nach oben hieven, das war sowas von bescheuert, dass glaubste ja nicht. Den Seitenrad-Schleppdampfer "Oskar Huber" habe ich auch noch auf seiner letzten Reise gesehen.


Da stand ich nun im Gangbord von "MARIENDORF 4", mit weichen Knien und meinen Koffer in der Hand. Ich war 16 Jahre alt, 500 Km von Zuhause weg und der einsamste Mensch auf dieser Erde, aber geheult habe ich nicht. Ich wollte ja unbedingt eine Ausbildung in der Binnenschifffahrt machen. Ein Matrose führte mich in die Kajüte und zeigte mir, wo ich die nächste Zeit schlafen konnte. 10 Minuten später kam die Ansage durch den Lautsprecher, dass ich ins Steuerhaus kommen soll. Im Steuerhaus hielt sich der Schiffsführer nicht lange mit meine Lebensgeschichte auf, sondern drückte mir einen Bogen Schmiergelpapier in die Hand. »So mein Junge, jetzt gehst du mal nach Achtern und schmirgelst das Geländer ab. Der Willi zeigt dir, wie das geht.« Oh man, ich hatte noch nicht mal Zeit meine Arbeitsklamotten anzuziehen.


Am Heck standen zwei Schottel-Motoren auf Deck. Einen Maschinenraum gab es aber auch. Wofür auch immer. Der Matrose Willi zeigte mir dann, wie das mit dem Schmirgeln funktioniert. Nach einer Stunde war ich auf dem linken Ohr fast taub. Von Kapselgehörschützer hielt man damals noch nicht viel. Soweit ich mich erinnern kann, hatten wir gar keine an Bord. Als Willi mir etwas erklären wollte, verstand ich nichts. Erst als er mich anschrie, kapierte ich was der wollte. Allerdings hörte ich danach auf dem rechten Ohr auch nichts mehr.


Das Zweite was ich lernte, war die Sache mit dem Reibholz. Vor Gebrauch erstmal wässern, damit sie beim Anlegen die Stöße abfangen und nicht sofort kaputt gehen. Und beim Anlegen immer schön in der richtigen Höhe halten, was aber auf meiner ersten Reise fast nie klappte. War echt nicht schön, wenn es knallte und das Schiff sich vor Schmerzen schüttelte. Nach jedem Anschiss schüttelte ich mich auch. Sicher, die Reibhölzer dürfen während der Fahrt auch nicht außenbords hängen. Bis ich das alles verinnerlicht hatte, durfte ich ziemlich viele Löcher für die Reibholzleine in neue Reibhölzer bohren. Mit einem großen Handbohrer versteht sich. Der Alte flippte regelmäßig aus. Von wegen Reibhölzer sind teuer und so. Ach ja, eine Pütz (... auch Schlagpütz genannt - bezeichnet in der Schifffahrt einen Eimer mit einer Leine am Henkel) musste auch oft nachbestellt werden. Die Dinger hatten die Angewohnheit beim Wasser holen außenbords, sich aus meinen Händen zu befreien und ins Nirvana zu verschwinden.

Naja, die Jahre vergingen und aus mir wurde doch noch ein brauchbarer Matrose (... mit Matrosen-Bootsmanns-Brief). Irgendwann bekam ich sogar einen Spitznamen - "Der rote Pit". Gert Vieten, mit dem ich lange Zeit als Matrose zusammen bei Krupp gefahren bin, hat ihn mir verpasst. Wegen meiner langen rot-blonden Haare - heute trage ich mehr Glatze und das Rot kann ich vergessen. Kennt den vielleicht jemand? Das ist so ein großer stabiler Typ (... ich habe nicht dick gesagt) aus Mönchengladbach. Natürlich Borussen-Fan. Zuletzt habe ich ihn auf Herkules III als Schiffsführer gesehen. Heute dürfte er in Rente sein.

Ende der 70er Jahre habe ich dann meine Frau in der Düsseldorfer Altstadt erst kennengelernt und abgeschleppt, dann geheiratet. Sie ist viele Jahre mit mir zusammen bei verschiedene Partikuliere und Reedereien gefahren. 1995 hatten wir die Schnauze voll von der Schifffahrt und haben uns an Land festgesetzt. Schließlich musste es auch noch etwas anderes geben, als immer nur rund um die Uhr arbeiten und sehr wenig Freizeit.

Die Zeit in der Binnenschifffahrt möchte ich nicht missen. Es war hart, aber für einen jungen Mann bzw. junge Frau auch sehr lehrreich. Und man lernt schnell auf eigene Füße zu stehen und verdiente - für die damalige Zeit - sehr viel Geld.